Branchennews
Gorkana trifft...Claude Baumann
14 Oktober 2015

Gorkana trifft...Claude Baumann, Mitgründer und Chefredakteur des Schweizer Finanzportals finews.ch

Erzählen Sie uns ein wenig über Ihre Arbeit bei finews.ch: Wie ist die Webseite aufgebaut, wer gehört zu Ihrer Leserschaft?

finews.ch ist ein Branchenportal, das sich an die Beschäftigten in Banken, Versicherungen und anderen Finanzinstitutionen richtet. Man bezeichnet uns oft auch als das «Intranet» der Schweizer Finanzbranche, weil man auf unserer Website alles erfährt, was so läuft. Wir decken alle relevanten Themen ab: News, Stellenwechsel, Expansionen und Jobkürzungen, aber auch People’s Stories, Interviews, Kommentare, Einschätzungen – bis hin zu den beliebten Listicles*. Wir nehmen unsere Leserinnen und Leser sozusagen virtuell an der Hand und begleiten sie durch den Finanzinfo-Dschungel. Wir haben vor sieben Jahren zu viert begonnen, sind jetzt mittlerweile elf Leute, davon sieben Reaktoren. Seit vier Jahren schreiben wir schwarze Zahlen. Es gibt meines Wissens nicht viele Newsportale, die letzteres von sich behaupten können.

*Listicles sind Artikel, die in From von nummerierten Listen aufgearbeitet sind.

Wann finden Ihre Redaktionskonferenzen statt?

Wir sagen intern oft, wir sind das Unternehmen, das die meisten Sitzungen abhält. Und tatsächlich veranstalten wir neben unserer täglichen Redaktionskonferenz um 9 Uhr mehrmals am Tag Ad-hoc-Sitzungen in ganz kleinen Gruppen, um Einschätzungen abzugleichen, Instant-Ideen für einen Artikel zu entwickeln oder für den nächsten Tag zu planen. So entstehen überdurchschnittlich viele Beiträge als Gruppenarbeiten. Jeder liefert da und dort dem jeweils zuständigen Redaktor ein «Mosaiksteinchen». So werden unsere Artikel origineller, kompetenter und zeitnaher. Kurzum, sie bieten einen inhaltlichen Mehrwert.

Sie sind nicht nur Chefredakteur bei finews.ch, sondern sind auch als Freelance-Journalist für «Die Weltwoche», «brand eins» und andere Publikationen tätig. Wie sieht eine typische Arbeitswoche für Sie aus?

Da ich altermässig dem Print-Zeitalter entstamme, brennt in meinem Herzen immer noch eine Leidenschaft für «physische» Medienerzeugnisse. Und die beiden erwähnten Titel gehören tatsächlich zu den letzten Publikationen, die echten Journalismus ermöglichen: längere Texte mit einer Dramaturgie, recherchiert, sorgfältig bearbeitet und die Möglichkeit bietend, auch eine eigene Meinung einzubringen. Leider werden diese «kleinen Fluchten» immer seltener, da finews.ch immer mehr Zeit und Energie beansprucht.

Was, würden Sie sagen, ist das Beste an Ihrem Job?

Allen nur erdenklichen Menschen Fragen stellen zu können. Und als Mitbesitzer von finews.ch natürlich die Freiheit, selber entscheiden zu können – selbst wenn dies stets mit einem gewissen Risiko und der Verantwortung als Verleger sowie als Arbeitgeber verbunden ist.

Sie publizieren sowohl auf Ihrer Webseite als auch in klassischen Printmedien. Wie sehen Sie das Verhältnis von Online- und Print-Medien?

Noch immer sind – zumindest im deutschsprachigen Bereich – Online-Journalisten so etwas wie die Schmuddelkinder der Branche – was Unsinn ist. Denn wer mit Online-Content langfristig Geld verdienen will, braucht erstklassige Redaktoren, die kompetent genug sind, um dem Inhalt einen Mehrwert zu verleihen. Mit blossen Informationen lässt sich kein relevanter Online-Journalismus betreiben. Das wird in den nächsten Jahren zu einer rasanten Aufwertung der Online-Journalisten führen. Ausserdem geht das Leseverhalten – von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen – ohnehin in die digitale Richtung. Gut möglich, dass man in zehn Jahren Zeitungen wirklich nur noch in nasse Schuhe stopft oder den Ofen damit einheizt.

Hat dieses Verhältnis die Arbeitsweise im Journalismus über die Jahre verändert?

Ja, im Online-Journalismus wird zunehmend in Gruppen gearbeitet, um schneller bessere Ideen zu entwickeln, aber auch, um sämtliche medialen Möglichkeiten auszuschöpfen, also Videos, Bildgalerien, Tondokumente, soziale Medien. Dafür braucht es gute Kollegen, mit denen man gerne kooperiert. Das macht insofern Spass, als man nicht mehr einsam in einem Kämmerlein hockt und vor sich hin brütet.

Nutzen Sie im Rahmen Ihrer Arbeit auch Social Media?

Ohne Social Media läuft heutzutage nichts mehr, und zwar in beide Richtungen: Erstens bei der Informationsbeschaffung, wo man via Social Media bewusst jene Quellen nutzt, die für einen relevant sind; und zweitens als Vertriebsplattform, um die eigenen Texte einem breiten Publikum schmackhaft zu machen. Die sozialen Medien sind auch so etwas wie ein Filter für die Qualität und Glaubwürdigkeit eines Journalisten. Wer flunkert, hat sein Publikum im Nu verloren. Und das ist gut so.

Wie können PRs Ihnen mit Inhalten helfen, und wie können sie Sie am besten kontaktieren?

Ich wünschte mir, Public Relations (PRs) würden sich mit ihrer Zielkundschaft bewusster auseinandersetzen. Es ist immer peinlich, wenn wir etwa Informationen über Sportveranstaltungen oder Medizinal-Technik erhalten. Wir sind eine Finanzwebsite. Ausserdem sollte man uns als Online-Newsportal nicht fragen, wann unser Redaktionsschluss ist – nämlich nie –, oder ob man unser Heft auch abonnieren könne. Solche Erfahrungen zeigen, dass manche PRs ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben. PR-Inhalte sollten zielgerichtet sein, kompetent erarbeitet, und die Kontaktpersonen sollten zum jeweiligen Zeitpunkt erreichbar sein. Mit uns tritt man über Email oder die Redaktions-Telefonnummer in Kontakt.

Welchen Rat würden Sie jungen Journalisten geben, die eine Karriere im Finanzjournalismus anstreben?

Ich will nicht altbacken klingen. Darum beschränke ich mich auf drei Tipps: Erstens, schreiben Sie nie über Dinge, die Sie selber nicht verstehen. Zweitens, schreiben Sie stets weniger als Sie wissen und nicht umgekehrt. Und drittens, vermutlich ist es am gescheitesten, wenn Sie für eine Karriere im Finanzjournalismus zunächst bei einer Nachrichtenagentur anheuern. Nirgendwo anders werden Sie das Journalisten-Handwerk besser erlernen.

Sie verfügen über eine langjährige Erfahrung im Journalismus. Was ist Ihre denkwürdigste Geschichte?

Sie ist mir erst kürzlich widerfahren: Im vergangenen Februar interviewte ich einen Hedgefonds-Manager in Singapur. Bei der Gelegenheit erzählte ich ihm, dass wir mit finews.asia demnächst nach Asien expandieren würden. Der Mann fand das hoch spannend und sagte, er würde sich gerne mit 10 Millionen Dollar daran beteiligen, ob das genüge. Ich dachte zunächst, er mache einen Spass. Doch es war ihm wirklich ernst. Das zeigte mir auch, mit welch astronomischen Beträgen in dieser Branche jongliert wird. Ich sagte ihm, ich würde es mir überlegen. Bis heute bin ich ihm noch eine Antwort schuldig. Vielleicht sollte ich ihn nächste Woche mal anrufen...

*Claude Baumann, geboren 1962 in Zürich, ist Mitgründer und Chefredaktor von finews.ch, dem heute führenden Newsportal für die Schweizer Finanzbranche. Zuvor arbeitete er bei der Weltwoche, der Finanz und Wirtschaft sowie bei der Schweizerischen Nachrichtenagentur SDA/ATS. In den 1980er-Jahren war er Mitgründer des Schweizer Literaturverlags Nagel & Kimche und später Initiant des Geschäftsreise-Magazins ARRIVALS. Claude Baumann hat mehrere Bücher über die Schweizer Finanzbranche geschrieben, zuletzt die Biographie «Robert Holzach – Ein Bankier und seine Zeit» (Verlag Neue Zürcher Zeitung, 2014). Für seine journalistische Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet.

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