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Gorkana trifft...Frédéric Schwilden
1 Oktober 2015

Gorkana trifft… Frédéric Schwilden, Redakteur im Feuilleton-Ressort von DIE WELT und WELT am SONNTAG.

Warum haben Sie sich für eine Karriere als Journalist entschieden?

Ich habe mich ja gar nicht für diese Karriere entschieden. Ich glaube, Menschen, die von vorne herein eine Karriere planen, haben auch vor etwas Angst. Um sich zu finden, muss man sich auch erstmal verlieren. In einer Stadt wie Berlin geht das natürlich hervorragend. Klar war: Ich wollte schon immer schreiben, ich wollte schon immer für ein humanistisches Weltbild eintreten und auch ein bisschen geliebt werden. So bin ich im Journalismus gelandet.

Wie unterscheiden sich Ihre Erfahrungen als freier Journalist von Ihrer aktuellen Position bei DIE WELT?

Obwohl es absurd klingen mag, als Redakteur im Feuilleton der “Welt” / “Welt am Sonntag” habe ich deutlich mehr Freiheiten als vorher. Freier Journalist zu sein, heißt in den meisten Fällen auf Honorare zu warten. Ein Wirtschaftsmagazin hat einmal drei Monate lang ein Honorar von etwas über 1000 Euro nicht bezahlt. Bis ich ihnen ein Nacktbild mit einer leeren Flasche Krug-Champagner von mir geschickt habe, um zu illustrieren, wie arm dran ich bin. Drei Tage später hatte ich das Geld.

Aber unabhängig vom Finanziellen: In einer Redaktion mit genialen Kollegen denken und arbeiten zu dürfen, hat mich viel weiter gebracht, als Vieles andere.

Das Feuilleton der “Welt” / “Welt am Sonntag” ist ein Ort an dem Spinner ernst genommen werden. Denn Spinner sind die Menschen, die die Welt zum Positiven verändern.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag im Feuilleton-Ressort von DIE WELT für Sie aus?

Um 9:30 Uhr beginnen wir mit einer Presseschau. Eine Mischung aus Lästern und Bewunderung. Was haben die anderen besser gemacht als wir? Was haben wir übersehen? Was haben wir besser gemacht? Was haben wir verpasst? Und bei allem Konkurrenzdenken, was ich jeden Morgen dort sehe: Mit wie viel Liebe und Hingabe in Deutschland noch Journalismus gemacht wird. Egal ob TAZ, Tagesspiegel, FAZ, FAS, SZ, SZ-Magazin, Zeit, Zeit Magazin, Vice oder der Spiegel – in allen Redaktionen, ob Print oder Online, arbeiten Leute mit Visionen.

Können Sie Ihre Leserschaft beschreiben?

Meine Mutter ist etwa 1,65 Meter groß und Apothekerin und meine Frau hat einen Haarknödel auf dem Kopf und leitet das wunderbare Kunstpalais, ein Museum in Erlangen. Und meine Freundin Sabine ist Psychotherapeutin. Ich glaube meine Leser sind vor allen Dingen weiblich, erfolgreich und riechen sehr gut.

Wie schreiben Sie Ihre Artikel? Gibt es für Sie einen typischen Ansatz?

Ich schreibe absolut egoistisch. Ich schreibe das auf, was mich interessiert. Ich schreibe sehr schnell und wie in einem Rausch. Nüchtern aber. Es ist ein Irrglaube, dass man betrunken oder under the influence schreiben könnte. Ich kann es nicht. Wichtig ist: Keine Pausen machen. Kein Mittagessen. Schreiben. Schreiben. Schreiben. Essen kann man später. Rauchen hilft manchmal. Klassische Musik aber immer. In letzter Zeit höre ich beim Schreiben Smetana, Chopin, Elgar, Brahms, manchmal auch Wagner. Oder elektronische Musik von Pantha Du Prince. Es darf nur nicht gesungen werden. Gesang lenkt ab. Wie soll man selber eine Stimme haben, wenn man die ganze Zeit einer anderen zuhören muss.

Was macht eine Geschichte für Sie interessant? Welche Themen erhalten die meisten Reaktionen von Lesern?

Jede Geschichte kann mich interessieren. Sie muss etwas Absurdes beinhalten, etwas Magisches und uns in einen Abgrund schauen lassen. In letzter Zeit waren das eine Reportage über den bayerischen Finanzminister Markus Söder, ein Interview mit Bruce Dickinson von Iron Maiden und eins mit Erika Steinbach von der CDU.

Ich weiß gar nicht, ob die meisten Reaktionen von Lesern kommen. Leser sind ja Leute, die etwas gelesen haben. Häufig kommt es mir aber so vor, als würden Leute Texte und Inhalte kommentieren, die sie, wenn überhaupt, nur unvollständig gelesen haben.

Aber am meisten Reaktionen gibt es meiner Meinung nach bei deutschem Hip-Hop, bei politisch großen Themen (Krieg in der Ukraine, Grexit ja oder nein) oder gesellschaftlichen Fragen (Ist Facebook doof? Ist Instagram schlimmer als Ai Weiwei? Kann Stefan Raabs Sendung Leben retten?).

Wie verwenden Sie soziale Netzwerke in Ihrer Rolle?

Ich poste am liebsten Bilder von mir selbst und veranstalte regelmäßig Gewinnspiele. Zuletzt waren das ein Jahresabo der Fachzeitschrift “Der Blinker” oder eine Bong mit Swarovski-Kristallen von Thomas Sabo. Nächste Woche verlose ich ein Happy Meal im McDonalds am Südkreuz mit dem Kabarettisten LeFloid.

Welchen Einfluss hat Social Media Ihrer Meinung nach auf die Medienindustrie?

Einen größeren als Sascha Lobo.

Wie können PRs Sie bei Ihrer Arbeit unterstützen?

Dezent und ohne eine ins Stalking übergehende Kontaktaufnahme. Und man sollte sich tatsächlich überlegen, ob ihr Produkt denn passt. Mich hat vor Jahren, ich habe damals noch ausschließlich für den “Rolling Stone” geschrieben, mal eine Frau angerufen. “Veganes Kochen ist der neue Rock and Roll, Herr Schwilden, da dachten wir direkt an Sie.” Bei soetwas muss man leider sofort auflegen. Ich koche sehr gerne vegan. Aber so eine Ansprache am Telefon, sorry, das geht nicht.

Wie sollten PRs Sie am besten kontaktieren?

Mit vollem und richtigem Namen ist schon mal ein Anfang. Und bitte nicht superjugendlichpffiffigturbolustig.

Was macht Ihnen am meisten Spaß an Ihrem Job?

Mit meinen genialen Kollegen und Freunden die beste Zeitung (print und online) der Welt machen zu dürfen.

  • Foto: Christian Werner

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