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Gorkana trifft...Michael Streck
23 April 2015

Gorkana trifft...Michael Streck, Korrespondent für den stern in London

Herr Streck, Sie sind als Korrespondent für den stern in London tätig. Könnten Sie uns ein bisschen über Ihren journalistischen Hintergrund erzählen?

Ich habe bei einer kleinen Zeitung im Sauerland angefangen und volontiert. Über den Umweg eines abgebrochenen Studiums bin ich dann bei einer Sportzeitschrift in Köln gelandet, von dort bei der Welt am Sonntag und zur Welt, die damals noch in Bonn saß. Von der Welt zu einem Magazin von Gruner&Jahr, ein Sportmagazin, das inzwischen leider eingestellt wurde. ‚Sports‘ hieß das und war ein Reportage-Magazin und ähnelte GEO. Das war seinerzeit eigentlich so der Sportjournalistentraum. Ein angesehenes Magazin mit langen, langen Geschichten und großen Foto-Essays, das leider eingestellt wurde. 1996 kam ich dann zum stern, erst kurz Sport, dann Reporter im Deutschland-Ressort. Dann wurde ich als Korrespondent nach New York geschickt. Im August 2001, zwei Wochen vor 9/11. Der Terroranschlag war meine erste Geschichte in den USA. In den Staaten waren wir knapp 7 Jahre - meine Frau, unsere beiden Töchter und ich. Im Frühjahr 2008 sind wir dann zurück nach Deutschland in die Zentrale, wo ich ein paar Jahre als Autor gearbeitet habe - im Prinzip für alle Ressorts, mit den Schwerpunkten Ausland und deutsche Gesellschaft. Und ja, seit März vergangenen Jahres, gut einem Jahr, sind wir jetzt wieder im Ausland, in London.

Wie kam es überhaupt zu der Entscheidung, als Korrespondent zu arbeiten?

Den Traum, als Korrespondent zu arbeiten, hatte ich schon als Kind. Ich wollte immer ins Ausland. Ich habe auch mal ein halbes Jahr lang in Paris verbracht, an der dortigen Journalistenschule. Dass dann die USA meine erste Station als Korrespondent wurden, war eine glückliche Fügung. Meine Vorgängerin beim stern ging zurück nach Deutschland, die Stelle war frei und intern ausgeschrieben. Ich habe mich darauf beworben und wurde genommen.

Unterscheidet sich die Arbeit als Journalist in Deutschland stark von der eines Korrespondenten in den USA oder Großbritannien?

Da gibt es gravierende Unterschiede, ja. Man steht entschieden früher auf und ist entschieden länger im Dienst - grundsätzlich als Korrespondent, sei es in Großbritannien oder den USA. In New York spielt die Zeitumstellung sicherlich eine noch größere Rolle. Aber weil ich – wie meisten Kollegen in London – von zu Hause aus arbeite, endet der Tag irgendwie nie so richtig. Der Computer ist praktisch immer an und man checkt auch noch nachts irgendwelche Dinge. Und inhaltlich gilt, dass man als Vertreter der ausländischen Medien hier an die Big Shots schwer ran kommt. Wir Korrespondenten sind eben Non-Vote Media, wir haben keinen Einfluss auf den Wahlausgang und sind ergo nicht so wichtig für die politisch zentralen Figuren hier. Das heißt für mich und die Kollegen: Ein Interview mit David Cameron zu bekommen, ist so gut wie ausgeschlossen. Es gilt eindeutig: British first. Das war in den 70-er und 80-er Jahren gewiss leichter. Mein Schwiegervater war auch Auslandskorrespondent – in London und Washington. Wenn der von früher erzählt und was damals an Zugang möglich war, werde ich regelmäßig neidisch.

Warum ist es heute so viel schwieriger?

Das hat sicherlich mit dem News Cycle zu tun. Die generelle Verfügbarkeit von Nachrichten und ihre schnelle Verbreitung, 24 Stunden lang. Hinzu kommt der enge Zeitplan der Politiker, das Hysterische und Gehetzte. Und dann ist es auch eine Güterabwägung: Was bringt mir ein Interview mit dem stern im Vergleich zu einem Interview mit dem Guardian, dem Telegraph oder auch der Daily Mail. Das war früher anders. Damals spielten auch noch ein gewisses Grundinteresse an europäischer Politik und Neugier eine Rolle. Die Länder positionierten sich noch alle irgendwo in dieser gesamten europäischen Idee. Das hatte etwas Faszinierendes – auch für die Politiker. Und deren Zeitplan war auch nicht so eng getacktet.

Wie sieht denn ein klassischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Der Tag beginnt sehr früh und endet spät. Er entspricht definitiv nicht dem gewöhnlichen Bürojob. Morgens setze ich mich direkt an den Computer, lese online und danach vier Printzeitungen jeden Morgen. Und dann ist der Ablauf eigentlich ganz normal: Ich pitche E-Mails mit Themenideen in die Zentrale, kriegt Anrufe, mache Termine und schreibe Geschichten. Dazu kommt bei mir noch jede Woche meine Kolumne Last Call auf stern.de, ein Blog. Die Arbeit eines Korrepondenten beschränkt sich eben auch nicht auf die klassische 5-Tage-Woche, man arbeitet auch an den Wochenenden. Das hängt beim stern sicher auch mit den Produktionszeiten zusammen: Montag ist Schlusstag bei uns. Also schreibt man oft samstags und sonntags.

Woher bekommen Sie die Ideen für Ihre Geschichten?

Viele Ideen bekomme ich ganz klassisch aus der Zeitung, aus dem Fernsehen, aus dem Radio. Aber ebenso viele durch Alltagssituationen. Wir leben in einer multikulturellen Ecke von London, da kommt man durch pures Beobachten schon auf Geschichten. Eigentlich entspricht das der ganz klassischen Themensuche. Einige Themen sind natürlich gesetzt, ein Muss: Wahlen, Kates Baby, solche Dinge. Und als Korrespondent musst du ständig im Hinterkopf haben: Kommt das bei den deutschen Lesern auch an? Was definitiv bei den Lesern ankommt, sind Quervergleiche zwischen Deutschland und England mit einem gesellschaftlichen Bezug. Das merke an den Reaktionen auf die Kolumnen.

Mit Ihrem Blog haben Sie vor einem Jahr angefangen, unmittelbar Ihrem Umzug nach London..

Genau. Das bietet sich an als Korrespondent, um Themen aus dem Alltag aufzugreifen. Geschichten, die ich sonst nicht im stern unterbringen kann. Das ist thematisch ganz bunt gemixt: In mein allerersten Beitrag ging es um die Tücken der Wohnungssuche in London. Andere Posts drehen sich um das Humorverständnis von Briten und Deutschen, um absurde Preise beim Fußball oder darum, dass bei uns zu Hause kürzlich eingebrochen wurde. Ich habe relativ häufig im Blog aber auch über Politik geschrieben, etwa über das Referendum in Schottland oder UKIP und Nigel Farage.

Wie sind die Reaktionen auf das Blog?

Die Reaktionen sind ganz unterschiedlich. Anhand der Kommentare stelle ich allerdings eine Sache regelmäßig fest: Ein gravierender Unterschied zwischen Briten und Deutschen liegt tatsächlich im Humorverständnis. Ich mag britischen Humor und diesen Tongue &Cheek-Ansatz. Ich ironisiere ganz gern und mache mich auch ganz gerne über mich selbst lustig. Und ich merke immer wieder: Viele Deutsche können nicht mit Ironie umgehen.

In Deutschland kommt Twitter jetzt erst richtig ins Rollen, Facebook ist schon länger etabliert. Nutzen Sie soziale Netzwerke?

Ja, ich nutze beides. Ich war da anfangs noch ein bisschen skeptisch. Mittlerweile begreife ich Facebook und Twitter als Arbeitsmittel. Da folge ich Newsdiensten und gucke jeden Tag ziemlich genau, was die Kollegen – etwa führende britische Kolumnisten - tweeten. Allerdings benutze ich Twitter nicht privat, nur rein beruflich. Wenn ich einen Blogeintrag schreibe, tweete ich auch den Link dazu, klar. Ich würde aber nie auf die Idee kommen, meine Gedanken zu bestimmten Sachen zu tweeten.

Bekommen Sie Pressemitteilungen und inwieweit nutzen Sie Input von PRs?

Ich kriege jede Menge Pressemitteilungen. Die kriegt ja wahrscheinlich jeder Journalist, weil wir alle irgendwelche Newsletter abonniert haben. Für die journalistische Umsetzung allerdings spielen sie im Schnitt keine große Rolle - prozentual ein, maximal zwei Prozent. Was ich nutze, sind Mitteilungen über kulturelle Veranstaltungen wie Ausstellungen, Musikveranstaltungen und Bücher, auch von deutschen Verlagen. Wenn deutsche Verlage zum Beispiel neue Bücher veröffentlichen oder zu Lesungen einladen, lese ich das aufmerksam. Reine Unternehmens-PR geht an mir allerdings komplett vorbei.

Wie könnten PRs dir denn mit Inhalten helfen?

Mich interessiert im weitesten Sinne alles, was mit Büchern, Literatur und Film zu tun hat und hier spielt oder einen Bezug zu Großbritannien hat. Produktwerbung - wie etwa bei Frauenzeitschriften üblich - ist bei uns kein Thema.

Wie und wann können PRs Sie am besten erreichen?

Per E-Mail.

Was ist das Beste an Ihrem Job?

Die verhältnismäßige Freiheit. Die Freiheit, Themen zu setzen und entsprechend zu gestalten. Man hat zumindest das Gefühl, man sei autarker und das ist auch ein Stück weit so. Die Magazine und Zeitungen, die Ihre Leute ins Ausland schicken, verlassen sich ja auf unsere Expertise. Es ist also in erster Linie an uns, die Themen zu finden und vorzuschlagen. Das Verhältnis zwischen selbstbestimmter Themensuche und aufgetragenen Themen liegt bei etwa 65:35.

In all den Jahren als Korrespondent: Gibt es ein Ereignis oder eine Geschichte, die Ihnen besonders am Herzen lagen?

Ja, da gibt es zwei. Zum einen sicherlich 9/11. Wir waren gerade zwei Wochen in New York und warteten auf unsere Möbel, als das Flugzeug ins WTC flog. Das Ereignis hat mich im Endeffekt all die weiteren Jahre verfolgt. Alles hatte irgendwie mit 9/11 zu tun: Afghanistan, der Irakkrieg, die UNO-Krise. Die Job-Definition änderte sich dadurch massiv und wurde extrem politisch in den Jahren. Die zweite Geschichte - für mich die wichtigste – hat mittelbar auch damit zu tun. Das war unsere Titelgeschichte „Die Kriegslüge“. Die Rekonstruktion der Ereignisse, die zum Irak-Krieg führen. Mein Kollege Jan Christoph Wiechmann und ich haben damals wochenlang recherchiert. Besonders erschüttert hat uns, dass die amerikanischen Medien das Thema gar nicht aufgriffen. Während der Recherche konnten wir selbst manchmal kaum fassen, was uns Geheimdienstler alles erzählten. Manchmal dachten wir: “Entweder wir werden hier gerade massiv verarscht oder wir haben es mit einem Gau der amerikanischen Presse zu tun.” Letzteres war der Fall. Die Folgen dieses Krieges und der Lügen, die ihn möglich machten, spüren wir als Nachwehen bis heute.

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